Mit der neuen Campervan-Baureihe BoxTime überraschte Knaus schon zum Caravan Salon Düsseldorf 2025. Das Besondere: Die Fahrzeuge erhalten neuartige Möbelelemente und Verkleidungen aus expandiertem Polypropylen, das Masse einsparen und isolieren soll. Im Profitest: der Knaus BoxTime 630 ME.
Bedingt durch das Basisfahrzeug sehen sich Campervans außen oft zum Verwechseln ähnlich. Doch gibt es Möglichkeiten, sich abzuheben: Knaus geht mit seinem BoxTime einen neuen Weg bei Isolierung, Verkleidung und Möbelbau. Zentraler Punkt: ein für diesen Einsatzzweck neuer Werkstoff.
Der Hersteller fertigt Innenverkleidungen und Möbelelemente aus schwarzem expandiertem Polypropylen, das partiell die Aufgabe einer Isolierung übernimmt. Die Bauteile lassen sich passgenau fertigen und zudem mit einer optisch ansprechenden Oberfläche formen. So entdeckt man im neuen Knaus Fronten, die an ein Karbon-Geflecht erinnern.
Die robusten, im Vergleich zu Holz weicheren Oberflächen helfen, bei ungewolltem Kontakt, etwa am Küchenoberschrank, blaue Flecken zu vermeiden. Hauptgrund für das neue Material aber ist eine deutliche Gewichtsersparnis. Knaus verspricht rund 60 Kilogramm, die für zusätzliche Ausstattung oder Beladung frei werden. Sollte das stimmen, wären das entscheidende Kilogramm, die beim 3,5-Tonner mit darüber entscheiden, ob das Fahrzeug bei voller Besetzung und Beladung die magische Grenze einhält.
Der Knaus BoxTime 630 ME bietet mit Längsbetten über dem Heckstauraum, Bad und Küche in der Mitte und Halbdinette im Bug einen bewährten Grundriss und ist in der Basisversion trotz vier zugelassener Sitzplätze auf zwei Camper ausgelegt. Grundpreis: 72.630 Euro.
Knaus BoxTime
Basis: Fiat Ducato mit originaler Stahlblechkarosserie, 120/140 PS (88/103 kW) und Schaltgetriebe Grundrisse: vier Grundrisse; zwei mit Längs-Einzelbetten, zwei mit Doppel-Querbett Länge: 5,41 und 5,99 und 7,25 m Grundpreis: 66.990 bis 74.630 €
www.knaus.com
Die Stahlblechkarosserie des Fiat Ducato L4H2 ist gut verarbeitet und gut gegen Korrosion geschützt. Knaus installiert in der Schiebetür, an der Sitzgruppe, im Bad und als Option in beiden Heck-Flügeltüren Rahmenfenster von Dometic. Partiell quillt unter den Rahmen Dichtmasse hervor. Das sieht zwar nicht schön aus, zeigt aber, dass der Hersteller genügend Material verwendet. Wen es stört, der entfernt die kleinen Wülste behutsam.
In der Dachfront über den Vordersitzen baut Knaus als Option ein Fenster samt Kunststoffmaske an der Außenseite ein. Im Testwagen, er entstammt noch der Vorserie, knarzt der Fensterrahmen selbst bei kleineren Fahrbahnunebenheiten. Der Hersteller verspricht, dies zum Serienstart zu beseitigen. Das Gleiche gilt für teilweise lieblos zugekittete Durchbrüche für Kabel und Rohre am Unterboden.
Auf den ersten Blick fallen die schwarzen Möbelelemente und Wandverkleidungen aus dem geschlossenzelligem Hartschaum EPP (expandiertes Polypropylen) ins Auge. Man kennt dieses leichte, schwarze, sehr robuste, recyclingfähige Material als Verpackung etwa für Elektrogeräte. Passgenau gefertigt, geben diese neuartigen Möbelteile dem BoxTime 630 ME eine hochwertige Anmutung.
Noch wesentlicher sind die technischen Aspekte: Die Wandverkleidungen lassen sich entsprechend der Struktur der Ducato-Karosserie formen. So können sie zusätzlich auch Teile der Dämmung übernehmen. Ansonsten sind die Wände zusätzlich zu den bis zu 45 Millimeter starken EPP-Teilen mit 16 Millimeter PE-Schaum beklebt. Das Dach erhält 25 Millimeter PU- und 20 Millimeter Vlies-Isolierung. Die acht Millimeter dicke Sperrholz-Bodenplatte mit zwei Millimeter Vlies-Isolierung und PVC-Belag liegt über 16 Millimeter EPS. Knaus verspricht bessere Wärmedämmung, zudem 3 dB(A) weniger Geräusch im Innenraum.
Dies bestätigen die Messungen auf dem Testgelände: Hier blieb der Knaus BoxTime 630 ME rund 2,5 dB(A) unterhalb des Mittelwertes für ausgebaute Kastenwagen. Diese Differenz bedeutet auch subjektiv eine Verbesserung, sprich: Der Testwagen bleibt erfreulich leise.
Ebenso interessant wie stabil ist die Konstruktion einiger Möbel: So ist die Truhe der Sitzbank aus EPP-Elementen formschlüssig zusammengesteckt. Das gesamte Mobiliar ist sehr solide und steht einem solchen aus Sperrholz in nichts nach. Kleiner Nachteil des neuen Materials sind die technisch notwendigen dickeren Wandungen der Möbel. Sie gehen, insbesondere in den angeschrägten Oberschränken, zulasten des Stauraums.
Dimmbare direkte und indirekte LED-Beleuchtung mit warmweißem Licht illuminiert den Innenraum des BoxTime 630 ME ausreichend hell und abwechslungsreich – und kompensiert so die dunklen Oberflächen des neuen Materials.
Die Sitzgruppe gestaltet Knaus als klassische Halbdinette mit Zweier-Sitzbank, eingehängtem Tisch und den dreh- und höhenverstellbaren Vordersitzen mit zwei Armlehnen. Bei letzteren fällt wieder einmal positiv auf, wie einfach beim Fiat Ducato das Schwenken der Sitze hin zum Wohnraum vonstattengeht: Fahrer- und Beifahrertür können geschlossen bleiben, und die sich mitdrehenden Schienen der Sitz-Längsverstellungen der Aguti-Konsolen sind stets gut erreichbar und erleichtern es etwa, die Fahrersitzlehne am Lenkrad vorbei zu manövrieren. Bei anderen Basisfahrzeugen ist das Drehen der Vordersitze zuweilen mühselig und nur nach Öffnen der Fahrerhaustüren möglich. Zudem lassen sich danach die Türen teils nur dann schließen, wenn die Sitze um 180 Grad gedreht sind.
Die Zweier-Sitzbank stattet Knaus mit Dreipunkt-Sicherheitsgurten und Isofix aus. Das Sitzpolster lässt sich mit seinen Zapfen an der Unterseite in verschiedenen Löchern des Truhendeckels fixieren. So steht das Polster weiter hinten oder weiter vorn. Durch diesen Kniff ändert das an seiner Unterseite am Sitzpolster angeklettete Rückenpolster die Neigung.
In der EPP-Sitztruhe arbeitet die Diesel-Luft-Heizung Truma Combi 4 D. Angenehmer Effekt: Vom kernigeren Betriebsgeräusch des Dieselbrenners gegenüber dem vergleichbaren Flüssiggas-Modell dringt nur wenig nach draußen.
Beim Einhängetisch verzichtet Knaus zugunsten der Beinfreiheit auf ein Tischbein. Stattdessen stützt sich ein Kunststoffwinkel an der Seitenwand unterhalb der Einhängeschiene ab. Belastet man die Tischplatte, federn sowohl Tisch als auch Seitenwand samt Einhängeschiene. Dieser Effekt verstärkt sich, wenn sich der Hebel bei herausgeschwenktem Erweiterungsteil der Tischplatte noch vergrößert.
Die abstehende Kunststoffstütze an der Tischplatte ist sperrig beim Hantieren mit dem Tisch und zudem scharfkantig, sodass sie beim Testwagen eine Laufmasche ins Sitzpolster gezogen hat. Immerhin aber hat der für den Bettbau absenkbare Tisch eine Aufnahme für ein Tischbein. Über dem Heckstauraum montiert Knaus zwei Längs-Einzelbetten, die durch das an der beifahrerseitigen Matratze angenähte Mittelpolster faktisch ein Doppelbett sind. Die bequemen Matratzen auf zwei Stahlrohr-Rosten mit Federtellern entert man über eine in das Ladeschott integrierte ausziehbare Trittstufe. Die Schwanenhalsleuchten unter beiden seitlichen Oberschränken sollte Knaus anders positionieren: Zum Lesen muss der Urlauber sie unnötig stark verdrehen.
Die Küche mit riesiger, gut abgedichteter Arbeitsplatte lässt sich per Ausziehlade erweitern. Die Herd-Spülen-Kombination mit zwei Glasdeckeln birgt einen kleinen Zweiflammherd und eine quadratische Spüle. Für einen Campervan geht das in Ordnung. Der im Unterschrank eingebaute 84-Liter-Kompressorkühlschrank ist dank beidseitigem Türanschlag von drinnen und draußen leicht zu erreichen. Der Stauraum reicht trotz unpraktischem Format der Oberschränke gut aus. Das Bad gefällt mit Aufstellfenster und dunkler Duschwanne mit zwei Abläufen. Zum Abbrausen schwenkt der Camper die Wand samt Waschbecken und Spiegel vor das Dreh-WC von Thetford. Das funktioniert prima. Lediglich der stramm schließenden Raumspar-Gliedertür zum Bad sollte Knaus einen Griff spendieren.
Der Knaus BoxTime 630 ME rollt mit optionalem Heavy-Duty-Chassis auf das Testgelände. Bis an die von Knaus freigegebene zulässige Gesamtmasse von 4.000 Kilogramm beladen, durchfährt der 6,36 Meter lange Kastenwagen den doppelten Spurwechsel mit flotten 60 km/h und benötigt für den 18-Meter-Slalom 13,0 Sekunden. Beide Werte sind besser als der Durchschnitt. Dank des straffen und sicheren Fahrwerks greift das ESP recht spät ein und ermöglicht so die hohen Kurvengeschwindigkeiten.
Bei der Komfortwertung verhindert die straffe Auslegung des Heavy-Duty-Fahrwerks bessere Ergebnisse: Die Vorderachse an McPherson-Federbeinen leitet Fahrbahnstöße kaum gedämpft in Karosserie und Sitze ein. Die hintere Starrachse an zweilagigen Stahl-Längsblattfedern ist kaum weniger unkomfortabel. Dank Leichtbau im Innenraum dürfte für die meisten Kunden aber das spürbar weicher gefederte serienmäßige Light-Chassis ausreichen. Zudem unterliegt das Fahrzeug keinen gesonderten Tempolimits. Es lässt sich mit Fahrerlaubnisklasse B statt C1 fahren. Bei der Geräuschmessung bleibt der Innenraum erwartungsgemäß sehr leise. Es entstehen kaum Windgeräusche, das Motorengeräusch ist moderat. Der 2,2-l-Turbodiesel mit optional 180 statt 140 PS (132/103 kW) hat mit dem Viertonner auch vollbeladen keinerlei Mühe. Die optionale Achtgang-Wandlerautomatik passt gut zum Motor und schaltet stets im richtigen Moment. Der Konsum an Diesel fällt mit 9,8 l/100 km niedrig aus. Hieran hat auch das Tempolimit für Fahrzeuge über 3,5 Tonnen zulässiger Gesamtmasse seinen Anteil. Die Rundumsicht für den Fahrer ist, abgesehen vom durch das Plissee des rechten Seitenfensters teilweise verdeckten rechten Toter-Winkel-Spiegel, gut.
Ein Kastenwagen ist ein Kastenwagen ist ein Kastenwagen? Eben nicht. Knaus zeigt, dass bei einem Campervan trotz vorgegebener Karosserie technische Innovationen möglich und auch sinnvoll sind. Der neue Materialmix im Innenraum bringt Vorteile sowohl beim Möbelbau als auch hinsichtlich der Dämmung. Wer sich für den Knaus BoxTime 630 ME entscheidet, der entscheidet sich für ein modernes, ansprechendes, gut gemachtes Mobil. Die Mängel am Testfahrzeug mögen dessen Vorserienstatus geschuldet sein, und Knaus will diese Dinge zum Serienstart verbessern.
Ausstattung, Ladetabelle, technische Daten und die exakte Bewertungsmatrix lesen Sie hier.