Selbst gebaut, individuell und voller Charakter: Beim Fahrradwohnwagen-Treffen in Waakhausen zeigen Fahrradcamper aus Deutschland und Nachbarländern ihre rollenden Minicaravans und erzählen, was sie antreibt.
Waakhausen leuchtet – so lautet das Motto des zweiten Fahrradwohnwagen-Treffens, das Steffi Wilhelm und Claudia Chomse in dem Ortsteil des niedersächsischen Künstlerdorfs Worpswede organisiert haben. Die Tage zuvor hatte es viel geregnet, der Waldboden der Zeltwiese ist stellenweise noch schlammig. Doch pünktlich zum Treffen kommt der Wetterwechsel: strahlender Sonnenschein, über 30 Grad. Am späten Nachmittag hat sich die Gruppe zum gemeinsamen Gemüseschnippeln zusammengefunden, später soll über offenem Feuer eine Kesselsuppe köcheln. Ringsum stehen etwa 30 meist selbstgebaute Fahrradwohnwagen, jeder anders, jeder ein kleines Unikat, fast alle mit Solarpanel auf dem Dach, um die Akkus der Zugfahrzeuge unterwegs laden zu können.
Als die Sonne hinter den hohen Fichten des Naturcampingplatzes Land of Green versinkt, entfaltet sich das Motto des Treffens in stimmungsvolles Licht: Solarlaternen flackern vor den kleinen Caravans, bunte Lichterketten ziehen sich über die Wagendächer. Vor Steffis und Claudis Wagen leuchtet es in Rot, Gelb und Blau. Kein Wunder, Claudi hat das ganze Jahr über Lichter extra fürs Treffen gesammelt.
„Schöpfung? Ja, bitte!“ steht in geschwungenen Lettern auf der Front eines apfelgrünen Minicaravans, ein kleiner, weißer Blumenkasten im Landhausstil hängt darunter. Zart gemalte Wildpflanzen und Abbildungen von heimischen Tieren zieren jede Seite des Wagens. Durch zwei ovale Bullaugen blickt man nach draußen, die Tür lässt sich wie bei einer Pferdebox oben und unten unabhängig voneinander öffnen. Der Grashüpfer, so heißt Steffi Wilhelms rollende Unterkunft, ist ein fröhlich-buntes Gesamtkunstwerk.
Logopädin Steffi erinnert sich noch genau an den Moment, als das Fahrradwohnwagen-Fieber sie packte. Sie saß zu Hause in Lilienthal, klickte sich durch YouTube-Videos und stieß dabei auf Menschen, die hinter ihren Fahrrädern kleine Häuschen herzogen. „Ich war sofort angefixt“, sagt sie. „Und sehr schnell war mir klar: das will ich auch. Unbedingt.“ Also kaufte sie sich einen Shiwagin, ein leichtes Feldbettzelt auf Rädern aus Taiwan. Dann lernte sie Claudia Chomse kennen, eine erfahrene Fahrradwohnwagen-Erbauerin, die nur 40 Kilometer entfernt wohnte. Sie wurde für Steffi zur Mentorin, Bauleiterin und Freundin. Im September 2024 begann Steffi in einem Gartenschuppen mit dem Bau ihres eigenen Wagens.
Nicht alles lief reibungslos: „Auf dem Heimweg von der ersten Tour flog mir bei Sturm das Dach weg!“ Danach wurde es kurzerhand verklebt. Auch beim Gepäck hat sie gelernt: Tischdecken, ein zweiter Campingtisch, ein Ministaubsauger bleiben längst zu Hause. Wichtig sind ihr ein gutes Buch, Schokolade und ein Milchschäumer für den morgendlichen Latte macchiato. Hündin Gypsy reist gerne mit. „Ich halte an, öffne die Türe, und sie staunt: Wir sind wieder woanders! Dann geht es los auf Schnüffeltour.“ Rund 1.200 Kilometer hat Steffi Wilhelm bisher zurückgelegt. „Das Abenteuer beginnt direkt vor der Haustür“, sagt sie. Manchmal findet sie dabei am Wegesrand Löwenzahn, Klee oder Bärlauch und macht daraus das Abendessen. Sie nennt es: in die Wiese beißen.
RMC: Wie bist du zum Fahrradwohnwagen-Camping gekommen und seit wann reist du auf diese Weise?
Steffi: Durch Youtube-Videos während der Corona-Zeit. Ich war sofort „angefixt“ und habe intensiv recherchiert. Sehr schnell war mir klar: das will ich auch, unbedingt. Zunächst traute ich mir einen Selbstbau mangels handwerklichen Knowhows nicht zu. Nach und nach wandelte sich diese Selbsteinschätzung jedoch. Die Szene differenzierte sich aus, immer unterschiedlichere Baukonzepte wurden bekannt, die ersten kommerziellen Baureihen (Skowi, Modi, Martha) erschienen auf dem Markt. Die waren mir aber zu teuer, zugleich nicht individuell genug.
Schließlich startete ich mit einer „kleinen Lösung“ für den Einstieg: Ich kaufte den „Shiwagin“, ein Feldbettzelt auf Rädern, das in Taiwan produziert wird und mit 18,5 Kilo sehr leicht ist, so dass er per Bio-Bike gezogen werden kann. Ein paar bauliche Modifikationen waren nötig, um ihn wirklich tour-tauglich zu machen: Austausch der Deichsel, Ersatz klappriger Scharniere, Nähen eines regenfesten Überzugs. Und dann ging es im Juni 2024 zum ersten Mal damit auf Tour.
Im April hatte ich meine Freundin Claudi kennengelernt, auf die ich über ihren Youtube-Kanal „Claudi´s Abenteuer“ gestoßen war. Sie wohnt knapp 40 Kilometer von mir entfernt. Claudi hatte schon einige FaWoWas gebaut und verfügte über viel Reiseerfahrung, ihre Bau-Videos haben mich ermutigt, doch über einen Selbstbau nachzudenken. Und dann bot sie mir an, mich beim Bau ggf. mit ihrer Expertise und handwerklichen Erfahrung zu unterstützen…
Ich beschloss, zunächst in die Community hineinzuschnuppern und mir auf zwei FaWoWa-Treffen verschiedene Konzepte live anzuschauen. Dort konnte ich auch Fragen stellen sowie technische Aspekte diskutieren. Die erste „richtige“ FaWoWa-Tour mit dem Shiwagin führte mich auf ein kleines regionales Treffen 80 Kilometer entfernt, für das ich mich Claudi und ihren Freundinnen Sanne und Ulli anschloss, die gemeinsam dorthin geradelt sind. Unterwegs stieß ich dazu, wir fuhren in Kolonne zum Treffen, was mir irre viel Spaß gemacht hat. Das Treffen war klein, gemütlich, die Atmosphäre offen und sympathisch. Von da an hing ich voll drin! Im Herbst 2024 begann ich mit dem Bau meines Campers.
RMC: Warst du vorher schon Camper/in mit Wohnmobil/Zelt/Wohnwagen?
Steffi: Als junge Frau und in der Studienzeit bin ich bereits häufig mit dem Rad, Zelt und Gepäck verreist. Ich stieg in Berlin mit dem Rad in den Regionalexpress nach Rostock, und von dort die Ost-Ostseeküste entlang auf den Darß. Oder mit dem damaligen Freund 1992 per Tandem von Berlin aus durch die damals sehr neuen Bundesländer Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern an die Küste hoch. In Kiel dann aufs Schiff und per Inselhüpfen über mehrere Ostseeinseln in der Dänischen Südsee und via Fyn nach Aarhus. Alles mit dem Zelt, inklusive Abenteuern und vielen tollen Begegnungen.
Oder am Wochenende: Zelt aufs Rad und ab in die Pampa, sehr niedrigschwellig, reduced to the max, das war Freiheit pur. Später habe ich mal ein Wohnmobil mit der Familie gemietet, das war auch schön. Aber... zu behäbig, zu viel Krempel, nicht so flexibel wie mit den Rädern. So viel im Auto zu sitzen, war mir zu langweilig. Ich brauche Bewegung, Wind um die Nase, Spontaneität. Mit dem Rad bin ich flexibler.
Aus gesundheitlichen Gründen (frau wird ja nicht jünger) war die Ära des Zeltens und "auf dem Boden herumkrauchens“ vor einigen Jahren für mich beendet. Mit dem FaWoWa (Anm. d. Red.: Abkürzung für Fahrradwohnwagen) kann ich weiterhin flexibel und recht spontan campen sowie mit dem Rad verreisen. Heute ist das Rad ein E-Bike, aus Rücksicht auf meine Knie - und weil so ein FaWoWa echt schwer ist.
RMC: Was fasziniert dich bis heute an dieser Art zu reisen?
Steffi: Immer wieder die (Wieder)Entdeckung der Langsamkeit, das Entschleunigende.
RMC: Wie haben Familie und Freunde reagiert, als du ihnen davon erzählt hast?
Steffi: Die meisten haben mir erstmal einen Vogel gezeigt. Ich habe lange geplant und viel darüber gesprochen, denn meine Pläne mussten erstmal entwickelt werden. Wer mich gut kannte, wusste, dass ich es ernst meinte. Alle Anderen waren etwas genervt. Meine Tochter formulierte es so: „Ich hätte nicht gedacht, dass du das wirklich durchziehst, und es auch schaffst. Jetzt bin ich ganz stolz auf dich!“ Mein Partner hat mir das Bauen schlichtweg nicht zugetraut.
RMC: Du hast deinen Fahrradwohnwagen ja selbst gebaut. Was war deine Inspiration für den Bau/Ausbau und wie lange hat es gedauert, bis du damit auf die erste Tour starten konntest?
Steffi: Ja, aber ich hatte Hilfe, ohne die ich das niemals geschafft hätte: von Claudi und ihrem Mann Olli. Klar war mir: der Wagen sollte “schön“ sein, also für mich optisch ansprechend. Prinzip: „Tiny outside, big inside!“. Daher entschied ich mich für die Form eines Schäferwagens mit Pferdestalltüren und einem Tonnendach sowie großen Fenstern. Ich wollte Luft und gefühlte Weite sowie Licht drinnen - was bei Hitze oder Kälte allerdings auch durchaus problematisch werden kann. Ein Vorbild war der wunderschöne kleine Bauwagen-FaWoWa von Peter Petersen, auf den ich bei Youtube gestoßen war. Baustart war September 2024. Die erste Tour mit fertigem Wagen war die zu unserem ersten eigenen FaWoWa-Treffen in Waakhausen im Juni 2025. Da ich in einem Schuppen im Garten gebaut habe, gab es im Winter fast zwei Monate Baupause. Im engeren Sinne dauerte der Bau etwas über ein halbes, sehr intensives Jahr.
RMC: Woraus ist dein Wagen gebaut und was ist drin? Wie sind die Innenmaße und Liegeflächen-Maße?
Steffi: Das Innenmaß ist 196 mal 99 Zentimeter, die Liegefläche 70 mal 194 Zentimeter. Gebaut ist der Camper aus drei Zentimeter Styrodur, laminiert mit Glasfasergewebe und Epoxidharz – als selbsttragendes Häuschen. Die Deichsel besteht aus selbstgebogenem Wasserrohr mit Weber-Anschluss und -Kupplung sowie Stützleiste, die Räder sind 20-Zoll-Schwerlastfelgen mit Schutzblechen. Ich habe eine Trockentrenntoilette eingebaut, einen Passivkühlschrank mit Kajak-Lukendeckel, zwei ovale Bullaugen an der Front und ein monokristallines 200-Watt-Solarpanel auf dem Dach. Zum Beispiel habe ich auch dabei: Powerstation, Werkzeugkiste und Gaskocher.
RMC: Wie viel wiegt dein Wagen ungefähr?
Steffi: Immer zu viel… noch nicht gewogen, geschätzt 70-80 Kilo Leergewicht, reisefertig roundabout 100-120 Kilo plus optional 12 Kilo Hund. Es gibt viel leichtere, auch windschnittigere Wägen, aber auch schwerere. Deren Einsatzzwecke variieren ebenfalls stark.
RMC: Was hast du an deinem Gespann im Lauf der Zeit aufgrund deiner Erfahrungen noch angepasst oder verbessert?
Steffi: Einige Aspekte habe ich nochmal geändert, andere noch ergänzt. Zuletzt kamen eine Trockentrenntoilette und ein Duschzelt, Solar, eine Markise, ein zweiter Schrank und ein Regal sowie ein Kofferraum hinzu.
Auf dem Heimweg von der ersten Tour flog mir bei Sturm das Dach weg!... Ich hatte ursprünglich vor, ein Hubdach einzubauen und es daher nicht fest verklebt; es war nicht fest genug verspannt… danach haben wir es dann doch lieber fest verklebt… Außerdem funktionierte der erste, aus einer Kuchenform selbstkonstruierte Teelichtofen, nicht so gut, der flog wieder raus und wurde durch den neuen Ofen ersetzt. Dieser wird demnächst eingebaut. Jede Menge Deko und nicht essentielles Equipment ist auch wieder rausgeflogen. Im FaWoWa muss man sich extrem auf das Wesentliche begrenzen.
RMC: Welches Fahrrad zieht deinen Wohnwagen, und worauf kommt es bei der Fahrradwahl an?
Steffi: Bisher fahre ich mit einem Aufrechtrad, ein Pedelec der Firma Kalkhoff mit Wave-Rahmen, Boschmotor cx line smart, Drehmoment 90 Newtonmeter, Schwerlastreifen, Weberkupplung. Schwerlasttauglich und recht robust muss es sein, eine große Akkukapazität (bei mir 750 Wattstunden) und ein großes Drehmoment ist von Vorteil, eine Schiebehilfe ein Muss. Längerfristig möchte ich auf ein elektrifiziertes Liege-Trike der Firma HP-Velotechnik, ein Scorpion, umsteigen, welches komfortabler ist. Unter anderem kann man damit sehr langsam am Berg hochfahren...
RMC: Reist du mit deinem Wagen auf Campingplätze und wie reagieren die Platzbetreiber und Camper mit regulären Wohnwagen oder Wohnmobilen?
Steffi: Ja, sehr gerne. Die meisten anderen Camper und Betreiber reagieren interessiert und offen, oft begeistert. Insgesamt freuen sich die allermeisten Menschen und stellen viele Fragen, fotografieren das Gespann und sind sehr oft fasziniert. Demnächst werde ich mal 1nitetent.com ausprobieren. Privatleute stellen für eine Nacht ihren Garten für Radreisende und Wandernde mit Zelt oder Ähnlichem kostenfrei zur Verfügung. Meist gibt es Strom und Wasser, manchmal eine Toilette. Das Ganze dient der Begegnung und gegenseitigen Inspiration. Ich habe auch schonmal auf Höfen gefragt, ob wir dort stehen dürfen, und „Asyl“ bekommen.
Im Straßenverkehr reagieren manche Autofahrer genervt und manche auch mal aggressiv, da sie mich mit dem Gespann als Hindernis einordnen und auf den Radweg verweisen möchten. Es kommt schonmal zu riskanten Situationen. Sie wissen in aller Regel nicht, dass der Radweg für Anhänger mit mehr als einem Meter Breite tabu ist... mein Anhänger ist 134 Zentimeter breit. Aber es gibt auch Autofahrer, die begeistert reagieren. Wo ein FaWoWa auftaucht, sieht man stets viele lächelnde Gesichter. Man ist ein „bunter Hund“.
RMC: Was gehört bei dir immer mit ins Reisegepäck – und was hast du irgendwann zuhause gelassen?
Steffi: Luxusgut: ein (echtes) Buch! Mein Mottotier: der Grashüpfer. Schokolade! Meine Mini-Wärmflasche. Ein Milchschäumer für den morgendlichen Latte Macchiato. Wieder ausgepackt habe ich schon Vieles: Zum Beispiel Tischdecken. Glas-Kerzenhalter (zu schwer). Ein zweiter Campingtisch. Ein zu großer Teppich. Ein Mini-Staubsauger. Eine große, klappbare Waschwanne.
RMC: Wie planst du deine Touren – gerne spontan los oder eher durchgetaktet und länger im Voraus geplant?
Steffi: Mal so, mal so. Es kommt auf Anlass, Zeitbudget und Entfernung an.
RMC: Welche Strecken oder Regionen haben dich bisher am meisten beeindruckt?
Steffi: Bisher habe ich erst ca 1.200 Kilometer Erfahrung. Beeindruckend finde ich, dass das Abenteuer direkt vor meiner Tür zu finden ist. In der Kräuterwiese nebenan, am Wegesrand in den Wümmewiesen, am Fluss um zwei Ecken. Ich habe meinen Landkreis und die angrenzenden ganz neu, anders, besser kennengelernt. Das entstresst so ungemein und bringt viel Ruhe und Gelassenheit ins Reisen, denn: der Weg ist das Ziel.
RMC: Wie viele Kilometer schaffst du am Tag, und wo übernachtest du am liebsten?
Steffi: Der Radius ist abhängig von Temperatur, Wind, Steigung, Beladung/Gewicht, Gelände beziehungsweise Streckenbelag. Feldwege sind oft ein Problem, ich hatte schon mehrere Speichenbrüche. Und auch von Fahrstil sowie persönlicher Konstitution und Tagesform. Im Sommer ohne große Steigungen und bei normalen Bedingungen 50 bis 60 Kilometer, im Winter circa die Hälfte… Tagesetappen zwischen 25 und 40 Kilometer sind perfekt. Das ist individuell und technisch bedingt sehr sehr unterschiedlich. Ich bin auch mal um die Ecke gestanden, keine fünf Kilometer von Zuhause entfernt. Ich übernachte gerne dort, wo es gerade passt. Auf größeren Touren gerne mal am Campingplatz, um die dortige Infrastruktur zu nutzen, zum Beispiel eine Waschmaschine.
RMC: Wie stark macht sich das Gewicht des Wagens beim Radeln bemerkbar?
Steffi: Mir ist mal der Motor ausgefallen, ich musste fünf Kilometer „bio“ nach Hause fahren. Das war kein Spaß! Mit angemessener Unterstützung merkt man ihn manchmal kaum. Wenn er rollt, rollt er…und er läuft sehr gut in der Spur hinterher. Bei Steigungen, starkem Gefälle oder Gegenwind merkt man das Gewicht deutlich. Es kommt aber auch auf den eigenen Trainingszustand an.
RMC: Wie gehst du mit schwierigem Wetter oder unerwarteten Hindernissen um?
Steffi: Aussitzen oder Plan B machen und weiter. Wie Claudi immer sagt: Probleme sind da, um gelöst zu werden. Man nennt es auch Abenteuer! Sowas passiert ständig. Respekt hätte ich vor schwerem Gewitter. Mein FaWoWa is kein Fahradayscher Käfig… da würde ich Schutz suchen und vielleicht sogar aus dem Wagen raus gehen.
RMC: Gab es einen Moment, in dem du gedacht hast: Das war vielleicht doch keine gute Idee?
Steffi: Nein.
RMC: Was war dein bisher schönstes Erlebnis unterwegs?
Steffi: Schwer zu sagen. Es gibt viele schöne, oft kleine Momente unterwegs. Immer ein Highlight: Wenn ich losfahre und auf der Landstraße und im Radeln angekommen bin, der FaWoWa hinter mir sauber herläuft, es rollt, die Freiheit vor mir liegt ausgebreitet wie ein buntes Tuch: Morgen- oder Abendsonnenschein, Gräser im Gegenlicht, Grillenzirpen. Wenn ich plötzlich Kräuter finde, die nicht an jeder Ecke wachsen, aber attraktiv sind. Ich habe ein Setup zum Kräutertrocknen und -bearbeiten dabei, manchmal finde ich zum Beispiel Löwenzahn, Klee oder Bärlauch fürs Abendessen und nehme es mit. Ich nenne es „in die Wiese beißen“, es kostet Zeit und macht mich froh.
Und: Mit meiner Hündin Pause machen. Ich halte an, öffne die Türe, sie staunt: wir sind wieder woanders! Dann geht es los auf Schnüffeltour, danach weiter. Mit meinen Freundinnen Ulli und Claudi unterwegs sein. Wir sind eine coole Truppe. Es macht Freude, gemeinsam zu fahren, zu grillen, als Wagenburg zu stehen und Lagerfeuer zu machen. Ich fahre aber auch mal gern alleine oder nur mit dem Hund. Beides hat seine Reize.
RMC: Wie wohnst du im Wohnwagen – was funktioniert gut, was vermisst du manchmal?
Steffi: Ich habe es gemütlich und so ziemlich alles Nötige in meinem Schneckenhaus auf Rädern dabei. Das Grundgefühl ist: ich bin gut versorgt. Mein Schlaf ist der Allerbeste draußen, besser als im Haus. Bei Schietwetter ist es allerdings sehr beengt. Wehe, wenn ich dann auf die Trenntoilette muss. Keine Zeit, im Regen das Duschzelt hinzustellen. Also das Bett hochklappen, alles im Weg Stehende zur Seite schieben und in vollendeter Selbstverknotung auf engstem Raum das Notwendige erledigen. Daneben hängen nasse oder klamme Klamotten, das ist dann nicht so schön…
RMC: Wie löst du die Versorgung mit Strom, Sanitär/Dusche, Wasservorrat und Lebensmitteln?
Steffi: Alle paar Tage irgendwo einkaufen. Ich übe noch, nicht zu viel Essen mitzuschleppen. Das belastet nur, und man kramt fürchterlich im Kühlschrank herum, um die Lebensmittel wieder zu finden. Es passiert mir immer wieder… Strom beziehe ich via Landstrom am Standplatz, oder unterwegs an einer Ladestation. Oder bei Sonne selbstgewonnen via Photovoltaik-Panel. Ich dusche am Campingplatz beziehungsweise Standplatz, oder wenn nicht vorhanden, per Solardusche im Duschzelt. Ich habe auch eine kleine mobile Dusche mit akkubetriebener Tauchpumpe dabei. Die benötige ich auch für den Hund. Ich habe mindestens zwei Fünf-Liter-Tanks für Frischwasser dabei. Die fülle ich bei Gelegenheit auf, unter Umständen auch an Friedhöfen.
RMC: Reist du alleine oder mit Partner/Familie oder Freunden oder einem Hund – und wie wirkt sich das aufs Reisen aus?
Steffi: Ich liebe die Abwechslung, ist alles gut. Kommt auf die Bedürfnislage und Verfügbarkeit an.
RMC: Wie erlebst du die Fahrradwohnwagen-Community – was macht sie besonders?
Steffi: Die Community ist klasse. Ein sehr bunter Haufen sehr eigenwilliger, größtenteils netter und hilfsbereiter Leute, etwas „nerdig“. Wissen wird großzügig geteilt, man hilft sich untereinander, Austausch ist Trumpf. Es sind sehr viele Leute dabei, die andere aktiv unterstützen: bei Pannen, mit Rat und mit Tat, beim Bauen. Dadurch entsteht ein Gemeinschaftsgefühl. Wie überall gibt es auch hier einige Leute, die nicht miteinander klarkommen, aber die gehen sich meistens mit Erfolg aus dem Weg. Insgesamt ist es wie eine große „FaWoWa-Familie“, extrem solidarisch. Das gibt es nicht mehr häufig!
RMC: Hast du nach dem Treffen schon die nächste Tour geplant – und wo soll es hingehen?
Steffi: Im Juli ist eine gemeinsame Tour mit Ulli geplant, circa zehn Tage. Die Gegend haben wir noch nicht festgelegt. Vielleicht an den Dümmer See, oder Richtung Meer.
RMC: Was würdest du jemandem raten, der mit dem Fahrradwohnwagen-Camping anfangen möchte?
Steffi: Reinschnuppern! Zu FaWoWa-Treffen gehen und sich vielfältige Bauweisen anschauen. Für sich eingrenzen: was brauch ich, was für ein Gefährt will ich, was davon kann ich, wie gehe ich es an?
Das Interview führte Maike Leitholf
Claudia Chomse aus Holste reist mit Überzeugung. „My life … My rules …“ steht auf der Seite ihres Wagens. Auf YouTube teilt sie unter „Claudis Abenteuer“ ihre Bauprojekte und Reisen und sieht sich selbst als Vorbild für Frauen in der Szene. Tiny Two heißt ihr viertes selbstgebautes Fahrzeug, gezogen von einem Trike. Mit jeder neuen Konstruktion wurde ihr Wagen größer und komfortabler. Campen liebte Claudi schon immer. Aus gesundheitlichen Gründen wurde Zelten jedoch irgendwann schwierig, also musste eine andere Lösung her.
Ihr Tiny Two hat ein komplettes Bad mit Trockentrenntoilette und Waschbecken, sogar das Duschen im Sitzen ist möglich. Gezogen wird der 360 Zentimeter lange und 134 Zentimeter breite Wagen von einem Trike mit Motor. Das reisefertige Anhängergewicht schätzt Claudi auf 300 bis 350 Kilogramm. Fahrradwohnwagen baut sie seit 2020, anfangs mit Unterstützung ihres Mannes bei Elektrik und Fahrgestell.
Heute kann sie das alles längst selbst: „Ich glaube, ich habe inzwischen deutlich mehr Werkzeug als mein Mann“, lacht sie. „Ich baue einfach drauflos“, sagt sie über ihre Methode. Feste Pläne gibt es bei ihr höchstens für die Maße, der Rest entsteht beim Bauen. Gerade arbeitet sie an einem kleineren Wagen für ihre zukünftige Schwiegertochter. Mit dabei ist immer Boxer-Hündin Weda, die während der Fahrt gerne aus dem Bullauge nach vorn schaut.
Nach einer Wintertour mit Heizlüfter durch Eis und Schnee hat sich Claudi für autarke Wärme entschieden: Für künftige Reisen im Winter steht ein neu eingebauter Holzofen mit Schornstein bereit. Die weiteste Tour bisher führte sie nach Zeitz in Sachsen-Anhalt: 550 Kilometer pro Strecke, fünfeinhalb Wochen war sie unterwegs. „Ich möchte reisen, nicht rasen“, sagt sie. „Und auch von der Strecke etwas haben, nicht nur vom Zielort. Ich komme jedes Mal tiefenentspannt nach Hause.“ Das nächste große Ziel: das Fahrradcamper-Treffen am Mondsee im August, 600 Kilometer entfernt. Etwa 30 Kilometer pro Tag sind geplant – ganz entspannt eben.
Mathias aus Vorarlberg hat eine radikale Entscheidung getroffen: Im April letzten Jahres hat er seine Wohnung aufgegeben und lebt seitdem vollständig in seinem selbstgebauten Fahrradwohnwagen aus drei Zentimeter Styrodur und einem Millimeter GfK. Mit an Bord ist sein roter Kater Tiger. Für ihn hat Mathias im Bug ein Bullauge eingebaut, damit der Kater während der Fahrt immer mitbekommt, was vorn los ist. So haben die beiden bereits über 9.000 Kilometer hinter sich gebracht.
Der aktuelle Wagen ist bereits Mathias’ zweites Fahrradwohnwagenmodell, ausgestattet mit einem selbstgebauten Minikühlschrank und einem Sternenhimmel mit Farbwechsel und Sternschnuppen über dem Bett. „Es muss ja gemütlich sein, wenn man darin wohnt“, sagt Mathias. Neben dem Schlafplatz: ein Kratzbaum mit Körbchen, Tigers Lieblingsplatz. Wenn der Wagen steht, darf der Kater draußen frei herumstreifen. Den Winter verbrachte das Duo in Südfrankreich, als Nächstes geht es an die Nordseeküste. Auf YouTube dokumentiert Mathias als „Alpencamper“ sein Leben auf Rädern.
Seit einem Jahr ist Matthias Keck, genannt Matze, die meiste Zeit auf Tour mit seinem Fahrradwohnwagen. 31 Jahre arbeitete er in leitender Position im Marketing für ein schwedisches Unternehmen, schon damals oft von unterwegs aus. Inzwischen hat er als Content-Creator mit seinem Kanal „ElektroBikeCamper“ seine Berufung gefunden: andere für das Fahrrad als nachhaltigen Autoersatz zu begeistern. Als mobiler Markenbotschafter vermietet er die Heckseite seines Wagens für Werbung, aber nur an Marken, die er selbst empfiehlt.
Für den Bau nutzt Matze Naturmaterialien: Holz, mit Bienenwachs behandelt und mit Stoff verkleidet, dazu Körbe aus Seegras als Stauraum. „Das nimmt alles Feuchtigkeit auf“, erklärt er, „schließlich reise ich nicht nur ein paar Mal im Jahr, sondern bin hiermit langfristig unterwegs.“ Mit 490 Watt Solar auf dem Dach kommt er fast ausschließlich mit Sonnenenergie aus. 80 bis 100 Kilometer schafft er an einem Tag, sein Lieblingsstandort: direkt unter Windrädern. „Da hab ich meine Ruhe – und immer gutes Netz.“ Gemeinsam mit seinem Sohn baut er aktuell einen zweiten Wagen für eine Tour nach Schweden und plant einen Webshop für Fahrradcamper.
Die Faszination für das Fahrradcamping reicht weit über Norddeutschland hinaus. Heizungs- und Installationsmeister Reinmund Hofmann aus dem hessischen Biebertal hat sich seinen Fahrradwohnwagen ganz nach eigenen Vorstellungen gebaut. Sein grüner Kastenanhänger auf drei Rädern ist bis ins letzte Detail durchdacht: zwei Solarmodule, eine eigene Bremsanlage, straßentaugliche Beleuchtung. Am Heck flattert eine Deutschlandfahne. Gezogen wird er von einem E-Bike-Liegerad.
Innen bietet der Wagen alles, was Reinmund braucht: Schlafplatz, Kühlschrank, Gaskocher, Petroleum-Ofen. Das Herzstück ist das Energiekonzept: 200 Watt Solar auf dem Liegerad, 320 Watt auf dem Anhänger. „Mit meinen Solar-Aufbauten bin ich stets autark unterwegs“, sagt Hofmann. „Bei normalen Verhältnissen komme ich locker 80 Kilometer weit.“ Inspiration holte er sich auf Treffen der Szene: „Ich habe mir verschiedene Konzepte angeschaut und dann den Bau meines Gespanns, garniert mit eigenen Ideen, vorangetrieben.“ Die Jungfernfahrt führte ihn an den Edersee.
Die Fahrradcamper-Szene beschreibt sich selbst gerne als große Familie. Steffi bringt es so auf den Punkt: „Ein sehr bunter Haufen sehr eigenwilliger, größtenteils netter und hilfsbereiter Leute – etwas nerdig.“ Wissen wird großzügig geteilt, man hilft sich gegenseitig. Was sie alle verbindet: die Überzeugung, dass Freiheit keine große Motorleistung braucht, und die Freude an der Langsamkeit. Der Rest ergibt sich unterwegs.