Ihre Ursprünge hat die Elf-Städte-Tour zwar im Eisschnelllauf. Aber auch mit dem Wohnmobil lässt sich die Region wunderbar erleben. Uralte Gebäude und die typischen Grachten - Seefahrer und Händler haben hier über die Jahrhunderte ihre Spuren hinterlassen. Jeder Ort hat seinen eigenen Charme.
Morgens um acht geht’s los. Abends um neun, im Dunkeln, ist Zielankunft. Die Strecke führt durch Felder und Äcker, über zugefrorene Seen und Kanäle. Sie verbinden elf Städte im Norden der Niederlande. Und so heißt dieser Eis-Marathon auch, Elf-Städte-Tour, oder auf Friesisch Alvestêdetocht. Nichts für Weicheier! Einer, der sich den Qualen der Tour bereits drei Mal ausgesetzt, sie auf Schlittschuhen überwunden hat, ist Taeke Visser aus Eanjum. „Letztes Mal sind mir am Ende des Rennens die Augen zugefroren“, erzählt Taeke. Anderthalb Stunden habe er kurz vor Schluss im Erste-Hilfe-Zelt behandelt werden müssen. „Aber dann bin ich einfach weitergerannt, nach Gehör.“ Immer wieder sei er gestürzt. Am nächsten Morgen war sein Körper übersäht mit Blutergüssen, aber er hat es geschafft. Zum Beweis präsentiert er uns stolz drei kleine Medaillen in Form eines Malteserkreuzes. 29 Jahre ist das jetzt her und Taeke wird bald 70.
Die bislang letzte Alvestêdetocht war im Jahr 1997. Seitdem hat das Eis nie wieder die erforderliche Dicke von 15 Zentimetern erreicht. Anders als damals Taeke, lassen wir es uns auf unserer ganz privaten Elf-Städte-Tour richtig gutgehen. Mit unserem Reisemobil stehen wir auf seinem Bauernhof, wo er ein Dutzend Stellplätze für Camper eingerichtet hat. Es ist Januar, ungemütlich kalt und stürmisch. Wir sitzen in einem gediegenen Eura Mobil der Reihe Integra Line GT, ein 4,1-Tonnen-Liner mit Warmwasserheizung und Queensbett im Heck. Der passende Song dazu heißt „Luxus“ und beschreibt „Städte im Schönheitsschlaf“: „Passagiere schlürfen eifrig Austern, gepflegt heißt die Parole, gediegen gewinnt die Wahl. Frohsinn ist angesagt.“ Stimmt, lieber Herbert Grönemeyer, nur Austern schlürfen wir keine. Stattdessen nippen wir gemütlich an einer Tasse Ingwertee, während draußen der Regen waagerecht gegen die Fenster prasselt.
Zählen wir sie einmal auf, die Elf Städte, in der von uns für die Fahrt gewählten Reihenfolge: Stavoren, Hindeloopen, Workum, Sneek, Iljst, Bolsward, Franeker, Harlingen, Leeuwarden, Dokkum, Sloten. Stellplätze für Reisemobilisten finden sich genügend entlang der Route, wenn auch nicht in jeder Stadt und nicht in jedem Fall ganzjährig geöffnet. Auch den Begriff Stadt muss man etwas relativieren. Die meisten der elf Städte haben eher dörflichen Charakter. Von der Provinzhauptstadt Leeuwarden mit knapp 100.000 Einwohnern abgesehen, handelt es sich um kleine Orte mit wenigen Tausend Einwohnern. Sloten gilt sogar als kleinste Stadt der Niederlande, hier leben nur etwa 740 Menschen. Die Verleihung der Stadtrechte geht weit zurück bis ins Mittelalter.
In einer knappen Woche, so haben wir es uns vorgenommen, wollen wir auf den Spuren der Eisläufer wandeln und den Charme dieser ganz besonderen Region aufsaugen. Friesland liegt zwischen dem IJsselmeer im Westen, der Nordseeküste und der Provinz Groningen im Osten. Über die Jahrhunderte hat jede Stadt ihren eigenen Charakter herausgebildet, mit Geschichten um Aufblühen und Niedergang. Die Orte liegen oft nur wenige Kilometer voneinander entfernt und lassen sich bequem bereisen, entsprechend dem eigenen Tempo und persönlichen Vorlieben. Unser erster Stopp führt uns nach Stavoren, einst die größte und reichste Stadt des Landes und Mitglied des Hanse-Verbundes.
Die Erzählung von der Frouwe fan Starum, der „Frau von Stavoren“, erinnert an diese goldenen Zeiten. Die Kurzfassung: Reiche Frau ist nie zufrieden, zwingt den Gatten, ihr Schätze zu bringen. Als er mit Weizen zurückkehrt, lässt sie diesen ins Meer werfen. Doch ihr Hochmut holt sie ein, sie verliert alles und endet in Armut. Eine kleine Skulptur neben der Schleusenbrücke im alten Hafen ist ihr gewidmet. Unser Tipp für Wintercamper ist der Platz „Camping ’t Séleantsje“ von Marianne und Johannes de Vlugt im benachbarten Molkwerum. Er liegt direkt hinter dem Deich. „Viele unserer Gäste kommen aus dem Ruhrgebiet“, erzählt Johannes, der drei war, als sein Vater den Platz 1963 gegründet hat. „Sie schätzen die Ruhe bei uns.“ Jedes Jahr am 28. Dezember begrüßen er und seine Frau die Teilnehmer einer wildromantischen 11-Kilometer-Wanderung am Meer entlang, die „Wandeltocht“. Start ist um 17 Uhr in Stavoren. Am Campingplatz, dem Wendepunkt, gibt’s dann Glühwein bei Kerzenlicht.
Für uns geht es weiter nach Hindeloopen, das nächste malerische Mini-Städtchen. Sehenswert sind der alte Fischereihafen mit Zugbrücke sowie der schon von Weitem erkennbare schiefe Westerturm von 1593. Außerdem gibt es ein Schlittschuh-Museum, welches wir jedoch links liegenlassen. Uns zieht es stattdessen gleich ins sieben Kilometer entfernte Workum. Dort wollen wir den mit einer goldenen Ledertapete verzierten Ratssaal im Stadhuis anschauen. Auf dem Dachboden soll sich zudem eine hölzerne Arrestzelle für Trunkenbolde befinden. Doch als wir ankommen, ist die Tür leider verschlossen. Ein Problem, mit dem Wintercamper in Friesland auch an manch anderem Ort rechnen müssen. Kein Zugang zu Sanitärgebäuden und abgesperrte Wasserhähne sind zu dieser Jahreszeit eher die Regel als die Ausnahme.
Umso mehr freuen wir uns am nächsten Tag über den freundlichen Empfang in Sneek. Auf dem Gelände des Jachthafens treffen wir Petra van Zuiden. Als Hafenmeisterin ist sie auch für die 40 Stellplätze am Ufer der Marina zuständig. Auf dem Gelände haben sich ein Dutzend weitere Camper eingefunden, offensichtlich ist der Platz beliebt. Kein Wunder, man steht auch im Winter auf gepflegtem, sattem Grün, das Sanitärgebäude ist modern und sauber. Deutlich weniger charmant parkt man auf dem Pflaster des zweiten Stellplatzes der Stadt, den Evelien Kempen betreut, auch sie ist Hafenmeisterin. Vorteil dieser Adresse: Von hier erreicht man in wenigen Minuten zu Fuß das Wahrzeichen Sneeks, das großartige Wassertor.
Die Ursprünge dieses markanten Bauwerks gehen zurück ins Columbus-Jahr 1492. Erst später allerdings, Anfang des 17. Jahrhunderts, entstanden die beiden stattlichen, achteckigen Türme, die dem Tor sein heutiges Gesicht verleihen. Ursprünglich waren es sogar sechs Tore, vier Wassertore und zwei Landtore. Die Landtore wurden jedoch abgerissen. Als die Zeit der großen Dampfschiffe kam, waren auch die Wassertore an der Reihe. Nur eines von ihnen blieb übrig, nachdem sich die Sneeker Bürger für dessen Erhalt eingesetzt hatten. Ohne ein Foto von dem Blick über den kleinen See mit dem Tor im Hintergrund verlässt heute wohl niemand Sneek.
Ein Blick in die Wiki-Rubrik „Söhne und Töchter der Stadt“ fördert zudem die Brüder Brenninkmeyer zutage. Brennink-wer? Doch, die beiden kennt man. 1841 gründen diese Herren ein Textilhandelsunternehmen, das heute 1.400 Filialen in ganz Europa und sogar in Brasilien, Mexiko, China und Japan betreibt. Der Name des Imperiums setzt sich aus den Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen Clemens und August zusammen: C&A. Über dem Haus in der Kruizebroederstraat, wo sie ihr erstes Damenoberbekleidungsgeschäft eröffneten, hängt auch heute noch der berühmte Schriftzug. Die Brenninkmeyers hatten das Potenzial der Konfektionsware erkannt zu einer Zeit, in der für die Kundinnen noch überwiegend Maßanfertigungen verkauft wurden. Diese konnten sich nur Wohlhabende leisten. Mit dem Angebot bei C&A mussten sich die weniger reichen Damen nicht mehr auf dem Gebrauchtkleidermarkt eindecken. Konfektionsware für Herren gibt es bei C&A übrigens erst seit 1897. Für einen Imbiss in Sneek unbedingt zu empfehlen: ein Besuch im Mittags-Café „Brownies & Downies“ (Grootzand 24). Die Loaded Fries mit Pulled Chicken, Old Amsterdam, BBQ-Sauce und Rucola sind der Hammer. Den wirklich unglaublich liebenswürdigen Service von Menschen wie Deyando gibt’s gratis dazu.
Höchste Zeit, mal wieder die Stadt zu wechseln. Wer mitgezählt hat, weiß: Es fehlen noch sieben. Jede einzelne im Detail zu beschreiben, würde den Rahmen dieses Berichtes sprengen. Ijlst ließe sich überspringen (wobei der Stellplatz an der Natureisbahn vielleicht ein Geheimtipp wäre, wenn es dort denn wirklich mal Eis gibt). Gleiches gilt für das winzige Sloten (wo es außer einer schmucken Gracht mit putzigen Wohnhäuschen aus dem 17. Jahrhundert nichts wirklich Erwähnenswertes zu sehen gibt). Keinesfalls verpassen sollte man dagegen Bolsward, dort unbedingt einen Blick in die Broerekerk werfen. Seit einem Brand im Jahr 1980 ist sie eine Ruine. 2006 jedoch entwarf Architekt Jelle de Jong ein Glasdach, das wie ein Baldachin über den Gebäuderesten zu schweben scheint. Spektakulär! Franeker wiederum empfiehlt sich mit einem Bummel durch die Gassen, vorbei am prunkvollen Rathaus aus dem 16. Jahrhundert. Wer will, kann auch ins älteste Planetarium der Welt gehen.
In Harlingen, einer Hafenstadt nördlich des Ijsselmeer-Abschlussdeiches, lohnt sich ein Spaziergang rund um den Zuiderhaven. Bliebe als vorletzte Stadt noch Leeuwarden, die Kulturhauptstadt Europas von 2018. Hier kann man gut zwei Tage verbringen, so vielfältig ist das kulturelle Angebot. Für unsere Reise von Bedeutung ist Leeuwarden natürlich, weil hier der offizielle Start/Zielpunkt der Alvestêdetocht liegt. Den schmucklosen Metallbogen, der das Ziel im Norden der Stadt überspannt, kann man sich allerdings schenken. Wir belassen es bei einer Runde vorbei an den schiefen Häusern in der Altstadt und winken zum Abschied Wilhelm Ludwig (1560–1620, Spitzname: Us Heit, dt. Unser Vater), dem Statthalter von Friesland, auf seinem Podest zu.
In Dokkum schließlich lassen wir unsere Elf-Städte-Tour auf einem Stellplatz im Schatten einer alten Windmühle ausklingen. Theoretisch hätten auch wir uns, wie die Teufelskerle mit ihren Schlittschuhen, in jeder Stadt einen Stempel abholen sollen. Doch unser Sammelheft ist fast leergeblieben – nur Petra in Sneek hat unseren Aufenthalt bestätigt. Ein letztes Mal stellen wir uns vor, wie die Schlittschuhläufer hier in Dokkum, am nördlichen Wendepunkt des Rennens, einst entlangzischten. Früher, als das Eis noch dick genug war. Wir werden im Sommer noch mal wiederkommen.
Wer die ganze Wohnmobil-Reise in den Niederlanden lesen und nachfahren will, findet den gesamten Stellplatz-Check Elf-Städte in Friesland mit weiteren Tipps und vielen Informationen in der März-Ausgabe von Reisemobil International
Weitere Stellplätze und Wohnmobil-Touren zum Nachfahren finden Sie auch auf www.bordatlas.de